Horrorgeschichte: ►Der Bunker◄

Nicht mehr. Nicht weniger, als ein Schritt nach dem anderen. Ich vernahm den Klang meiner gelben Garmont-Wanderschuhe, als sie über das saftige, hellgrüne Gras stapften. Dann das satte Geräusch, wenn ich sie gegen einen Felsen drückte oder das laute Poltern, das es machte, wenn ich eine der losen Holzbretter betrat, die an den morastigen Stellen des Bodens ausgelegt waren. Ich hatte das Gefühl meinen Körper zu spüren, nicht nur in ihm drinzustecken, sondern auch mein Körper zu sein. Ich spürte jede noch so kleine Berührung, den Stein in meinem Schuh, die Grashalme, die an meinen Schenkeln streiften und die feine Brise, die mir zart, wie eine Großmutter das pausbäckige Kind, die Wangen streichelte. In meiner Wade spürte ich ein leichtes Ziehen; eines, von dem ich wusste, dass es später noch zu einem Schmerz heranwachsen würde. Doch momentan war das für mich nur ein Beweis meiner Taten. Ein Zeugnis für meine vielen Schritte.

Ich sprang über das, für meinen Sprung eigentlich unnötig schmale, Flussbett und hielt mich an Grasbüscheln fest um nicht rückwärts ins Wasser zu plumpsen. Das hartkantige Gesicht und der damit verbundene Geruch nach Marlboro-Zigarretten meines Chefs kam mir plötzlich in den Sinn. („Betriebsleiter! Bitte nennt mich Betriebsleiter! Chef und Boss, das sind so harte Wörter, so redet man doch eigentlich nur im Film, oder nicht?) Mir fiel auf wie lange ich schon nicht mehr an ihn gedacht hatte. Und nun auch wie lange ich schon nicht mehr an meine Familie, die Arbeit und allgemein Deutschland gedacht hatte. Meine letzten Gedanken hatten allesamt nur einer Sache gegolten: den Bergen. Kein einziger Gedanke war mir entsprungen, der den weiten Weg heraus aus den Stubaier Alpen, heraus aus Tirol und Österreich, hinein nach Deutschland und zu meiner Familie geschafft hatte. Und besonders keiner hat es bis zu meiner Arbeit geschafft! Ich schauderte schon allein beim Gedanken an den Ort, welchen ich meinen Arbeitsplatz nennen musste. Das Gebäude war grau und so hoch, dass man allein schon vom Beobachten Nackenschmerzen bekam. „Aber dann geh doch einfach, Schatz! Pack deine Sachen, richte es morgen in der Arbeit deinem Betriebsleiter aus und mach dich auf die Reise. Ich komm schon klar! Eine Woche halte ich mit den Kindern schon aus“, hatte Elisa gesagt. Obwohl sie in meinen Augen die wunderschönste und liebste Frau auf dieser Erde war, wirkte sie nun so weit entfernt von mir, dass ich das Gefühl hatte sie existiere gar nicht. Und um ehrlich zu sein, störte mich das auch gar nicht so. Natürlich nur, weil ich wusste, dass es nicht so war, aber andererseits war ich auch einfach einmal wirklich froh allein zu sein. Und zwar nicht allein auf der Toilette mit einem zerlesenen Magazin in der Hand, sondern allein. Es gab niemanden, der mich stören konnte, niemand, dem ich etwas zu Essen machen musste oder dem ich vorzulesen hatte. Es gab keine E-Mails, die eine Minute vor Schichtende noch hereinflatterten, keine nervenaufreibenden Projekte, die zum größten Teil ich übernehmen musste, weil meine Arbeitskollegen zu unfähig und faul dafür waren. Ich war einfach allein, mir wurde nicht geholfen, aber ich musste auch niemanden helfen. Ich hatte einfach mal den Kopf frei. Ja, das kannst du laut sagen!

Es dauerte eine Weile bis der Gedanke an meinen Chef wieder erblasste. Ich bewegte mich in Zickzack-Bewegungen, damit ich so oft wie möglich über den schmalen Fluss springen konnte und freute mich währenddessen wie ein Schuljunge. Schon bald waren die Gedanken an Elisa, an meine vier Kinder und an die Arbeit vollends in den Hintergrund gerückt und ich verfiel wieder der Hypnose, die von der Bergwelt ausging. Ich tat einen Schritt nach dem anderen, während meine Gedanken verschwanden. Immer nachdem ich aus einem dieser, wie ich sie nenne „Alpenträume“ (nicht zu verwechseln mit Alpträumen) aufgewacht bin, habe ich versucht mich an das zu erinnern, was ich gedacht habe. Aber es funktioniert nicht. Ständig habe ich das Gefühl als würde ich an nichts denken. An rein gar nichts. Ich würde nur meine Schritte am Gras, das Plätschern des Wassers hören. Ich hatte das Gefühl als würde ich einzig und allein den Wind an meiner Wange oder die raue Felsoberfläche spüren. Ich hatte das Gefühl als würde ich ich sein.

Nach einer Weile verlief der Fluss, dem ich in entgegengesetzter Richtung folgte, immer steiler. Ich unterließ das Springen und wanderte nun den Hügel so stark gebückt hinauf, dass ein Orthopädie sich vermutlich vergnügt, in Aussicht auf einen neuen Kunden, die Hände gerieben hätte. Oben angekommen sah ich, dass die Landschaft von nun an recht gerade verlief, bis sie dann immer steiler wurde und schließlich nahezu senkrecht endete, so wie bei einer Half Pipe. Etwa zwei Minuten Fußmarsch entfernt von mir befand sich eine geschätzte 5 Meter hohe Erhebung in der Landschaft, die von der Form her einem gigantischen Mundspatel glich. In der Mitte der Erhebung prangte eine schwarze Fläche, die ich nicht näher definieren konnte. Ich nahm ein paar Schlücke aus meiner Flasche, füllte sie am Fluss nach und näherte mich dann der Erhebung. Als ich mich dem Schwarz näherte, erkannte ich, dass es sich um eine Art Tür handelte. Die Wirtin in der Hütte, in der ich abstieg, hatte mir bereits erklärt, dass es in der Umgebung Bunkeranlagen aus der Weltkriegszeit gäbe. Allerdings seien diese uninteressant, da es dort nichts als Steine und, wenn man Glück hatte, rostige Leitern gab.

Ich stellte meinen Rucksack ab und nahm einen der beiden großen, unter der abgeblätterten Farbe ein wenig rostigen Henkel und zog daran. Zu meiner Überraschung ließ sich die Tür bewegen. Ich nahm nun auch noch die zweite Hand hinzu und zog an der Tür. Ich hörte wie sie beim Aufschwingen ein Stück Gras und Erde herausriss. Als die Tür orthogonal zur anderen stand, blickte ich durch die Öffnung. Es war ein zimmergroßer Raum, die Wände aus Stein. Obwohl noch nicht einmal im Bunker, musste ich sogleich meine Nase rümpfen; so schlimm war die Mischung aus Rost und Verwesung, die überall in der Luft lag. Gerade erblickt, blieb mein Blick sofort an einem Kleiderbüschel am Boden hängen. Der Haufen befand sich in der hinteren Hälfte des Bunkers, die Sonnenstrahlen drangen nur dumpf bis dorthin. Ich hatte meine Hand die ganze Zeit über am Henkel, damit die schwere Tür nicht zufallen konnte und jetzt stieß ich sie noch ein wenig weiter auf, sodass die Sonne den Bunker flutete. Der Haufen am Boden lag zwar immer noch im Schatten, allerdings war er nun erkennbar: Die Kleiderbüschel waren gar keine Kleiderbüschel, zumindest nicht nur. Denn mittendrin erkannte ich den Kopf eines Menschen. Eine Woge der Panik überrollte mich, sodass meine Knie zusammensackten. Ich spürte wie ich zu schwitzen begann und wie mein Herz schneller schlug. Ich hielt mir die Hände vor den Mund, doch augenblicklich begann die Tür zuzufallen. Ich ergriff sie mit beiden Händen und zog sie zurück an ihren ursprünglichen Platz. Dann legte ich einen kleinen Stein davor, der für den Moment ausreichen sollte. Langsam, sogar noch allmählicher als es das Wort „langsam“ eigentlich aussagt, tapste ich näher zum Bunker. Ich wollte mehr sehen von der Person, herausfinden wie sie gestorben war. Und ob sie überhaupt tot war. Ich lehnte mich ein wenig in den Raum und plötzlich sah ich feine Einkerbungen am Ende des Raumes. Sie waren zu gerade und zu eng aneinander um bloße Kratzer zu sein. Es sah aus als hätte jemand Worte dort eingeritzt. Vielleicht der Tote? Ich machte einen ersten Schritt in den Raum. Das Gekritzel nahm noch keine Form an, deshalb trat ich erneut zwei Schritte nach vorne. Automatisch machte ich einen kleinen Bogen um den Toten. Ich wollte ihn nicht ansehen, doch irgendwas in mir verlangte, ihn wenigstens kurz zu inspizieren. Doch vorher wollte ich noch erkennen was am Ende des Raumes geschrieben stand. Ich tat noch einen letzten Schritt, beugte mich ein wenig nach vorne und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. So als hätte mir jemand eine Brille mit unpassenden Dioptrien vom Gesicht geschlagen, nahm das Gekrakel plötzlich an Gestalt an. Ich hörte ein leises „Tuck“, so wie wenn Stein auf Metall trifft. Der Text vor mir war in ungleichen Buchstaben, vermutlich mit einem Taschenmesser oder einem Stein, in die Wand eingeritzt worden. Dort stand:

Die Tür

Bevor mir bewusst wurde, was das zu bedeuten hatte, bevor der richtige Schalter in meinem Kopf umgelegt wurde und der AHA-Moment in meinem Gehirn einsetzte, vernahm ich ein lautes Quietschen, dann ein heftiges Poltern und von da an umgab mich nur noch Dunkelheit.Hey, ich binNick Bastian

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