Das Lesen und ich

Früher las ich enorm viel. Damit meine ich so ziemlich meine gesamte Volksschulzeit. Meine damaligen Freunde bekamen zu jener Zeit immer wieder Angebote von ihren Eltern. Sie wollten ihren Kindern Bücher kaufen, damit diese doch endlich mehr lasen. Bei mir war es anders. Ich musste mir den Großteil meiner Bücher selbst kaufen oder zu einem besonderen Anlass wünschen. Das fand ich damals wirklich ungerecht. Heute habe ich eingesehen, dass es nichts mit Ungerechtigkeit zu tun hatte, sondern eher mit Sparsamkeit. Denn die gebundenen Drei Fragezeichen Kids-Bücher, die ich nie auslieh, sondern immer kaufte, durchblätterte ich jedes Mal so schnell wie eine Gebrauchsanweisung.

Eine andere Buchreihe, welche mich an diese Zeit erinnert, ist das Das Magische Baumhaus. Ich mochte die Buchreihe von Mary Pope Osborne nicht sonderlich, fand die Idee mit einem Baumhaus durch die Zeit zu reißen ein wenig hirnrissig. Nichtsdestotrotz mochte mein damaliger bester Freund die Bücher sehr und hatte einige in seinem Regal gestapelt. Und immer wenn ich gerade allein in seinem Zimmer war oder er schlief, nahm ich eines der Bücher aus dem Kasten. Ich kam natürlich nie weit, weil er meist nur weg war um aufs Klo zu gehen oder seine Mutter nach Süßem zu fragen. Doch irgendwann war ich dann fertig mit dem Buch. Und das obwohl mir die Handlung nie so richtig gefallen hatte.

Irgendwie, ich habe immer noch keine Ahnung wie so etwas passieren kann, ging meine Leidenschaft zu Büchern mit dem Schulwechsel verloren. Das lag nicht den Lehrern, meinen Freunden oder den aktuellen Publikationen, sondern einfach daran, dass ich vergas zu lesen. So dumm das klingt, mir kam wirklich immer seltener die Idee ein Buch in die Hand zu nehmen oder außerhalb der Schule zu schreiben. Und so schien mir das Lesen nicht mehr als derart esentiell wie es heute für mich ist. Es dauerte circa zwei Schuljahre bis ich feststellte: „Hey! Du hast doch früher mal enorm viel gelesen!“ Ich weiß nicht ob es wirklich so gewesen war, das ganze ist immerhin viereinhalb Schuljahre her, aber ich glaube mich daran zu erinnern sofort meine alten Geschichten ausgegraben und wieder zu lesen angefangen zu haben. In der Zeit danach habe ich immer überdurchschnittlich viel geschrieben und gelesen. Mal habe ich mich mehr für den Inhalt interessiert, dann für die Bestandteile eines Buches. Ich habe mir Goethes Faust I gekauft, mich mit Bleistift und Arbeitseifer an den Schreibtisch gesetzt und das Buch nach einer mühsamen halben Stunde wieder zurück ins Regal gestellt. Ich las viele Krimis, noch mehr Thriller und sehr, sehr viele Fantasy-Bücher. Das Spektrum ging von modernen Klassikern, über Sachbücher zu Trivialliteratur. Ich las viele Reihen, Debütromane oder Sammlungen.Währenddessen wuchs die Staubschicht auf Goethes Faust. Ich würde ja gerne von mir behaupten können mich noch nie mit einem richtigen Liebesroman beschäftigt zu haben, aber leider wurde mir diese Scham zugewiesen als ich dazu gezwungen wurde Liebe ist etwas für Idioten. Wie mich. zu lesen.

Und ich kann mit Zufriedenheit sagen, dass meine Faszination für Bücher wieder zurückgekehrt ist. Ich lese alles was ich in die Finger bekomme, wenn auch in einer recht gemächlichen, aufmerksamen Geschwindigkeit. Trotzdem muss ich sagen, dass ich zur Das magische Baumhaus-Zeit vermutlich nicht mehr zurückfinden werde. Das Exemplar das ich noch zuhause habe stelle ich wahrscheinlich irgendwo tief in mein Bücherregal. Am besten genau zwischen Liebe ist was für Idioten. Wie mich. und Goethes Faust.

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8 Gedanken zu “Das Lesen und ich

  1. Es gibt nachweislich sogenannte Leseentwicklungsstufen, die in dieser oder ähnlicher Art alle Menschen durchmachen. Es ist demnach typisch, dass nach einer langen Lesephase in der Kindheit eine Zeit (Beginn der Pubertät) eine Phase kommt, in der weniger bis gar nicht gelesen wird. Wenn die erste Lesephase, vor der Pubertät, recht umfangreich war, kommt man am Ende der Pubertät wieder zu einem regelmäßigen Leseverhalten zurück. Wenn die erste Lesephase nicht so stark ausgeprägt war, bleibt es mitunter dabei, dass man fast nichts mehr liest.
    Dass du das Gefühl hast, nicht mehr so viel wie früher zu lesen, liegt unter anderen auch daran, dass du schneller liest: Eigentlich liest du genauso viel (oder vielleicht sogar mehr) als als Kind. Du hast nur als Kind länger für dieselbe Menge Text gebraucht.

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  2. Ich habe früher auch sehr viel gelesen. Ich war eigentlich immer Mitgkied einer Stadtbibliothek. Hätte ich all die Bücher kaufen müssen, die ich gelesen habe, hätte ich 1. nie genug Geld gehabt und 2. nie genug Platz gehabt für die ganzen Bücher. Jetzt lese ich seit 2013 nicht mehr viel. Das liegt an der Multiple Sklerose, die die Buchstaben immer flüchten lässt, mir immer wieder Doppelbilder macht oder mich die Welt wie ein schneeiges Fernsehbild wahrnehmen lässt (Sehnerventzündubgen). Daher bin ich mittlerweile ziemlich auf Hörbücher umgestiegen. Gott sei Dank dass es sie gibt!

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, Hörbücher sind eine Wohltat. Aber Bücher sind trotzdem etwas anderes für mich. Das angenehme Gefühl der Seiten, die unterschiedlichen Schriftarten…
      Das mit deiner Sehnerventzündung tut mir wirklich leid. Gibt es eine Möglichkeit das zu heilen?
      Liebe Grüße und gute Besserung (falls man darauf hoffen kann)
      -Nick

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  3. ‚Das magische Baumhaus‘ weckt Erinnerungen in mir. Ich habe es früher gerne von einer Bibliothek ausgeliehen. Es hat dort, glaub ich, fast ein ganzes Regal gefüllt o_O

    Du hast mich daran erinnert mal wieder mehr zu lesen. Danke!

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  4. Liebender Nick

    Sei wieder schamlos und lauter wie ein Kind
    „Scham“ ist nur eine Emotion vermischten Fühlens
    Aus Angst und Wut

    Als Liebesepos darf ich Dir „Leyla und Mahmoud“
    Auch Maschnun oder ähnlich geschrieben anempfehlen

    Der von Dir genannte Titel klingt weniger nach Liebesprosa denn
    Nach einer seelischen ungeheilten Kränkung des Autors oder der Verfasserin
    Für mich ist alles Geschriebene irgenwie geartete Liebesliteratur
    Was anderes denn jene Gestimmtheit schenkt einem Menschenschreiber die Geduld in Einsamlkeit
    Am Schreibtisch für unbekannte Leser zu schreiben

    danke
    Dir Joaquim von Herzen

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