Die Kuckucksuhr {2}

Die Kuckucksuhr tickt immer noch. Ich habe noch dasselbe unwohle Gefühl. Warte ich, so muss ich Hunger und Kälte aushalten. Ich könnte einfach die Tür aufstoßen und mich im anderen Raum umsehen-aber schließlich bin ich hier nur zu Besuch. Ich bin eigentlich ein sehr höflicher Mensch und deshalb habe ich bisher damit gezögert die Tür einzutreten. Schließlich kommt der Bewohner des Hauses mit jedem Ticken näher. Nach jeder Sekunde wird mir kälter, aber zugleich erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass der Bewohner kommt. Soll ich noch auf ihn warten? Vielleicht bringt er ja Holz! Wie würde er schließlich reagieren, wenn ich einfach so seine Tür aufbrechen würde?

Doch ich kann nicht anders. Ich habe das Gefühl als würde es in der Hütte immer eisiger werden. Wenigstens bin ich dem Wind nicht mehr ausgesetzt. Ich blicke wieder auf die Uhr, warte zehn Ticks und neun Tacks ab und stehe schließlich auf. Mit einem kräftigen Tritt breche ich ein kopfgroßes Loch in die Tür. Ich schlüpfe mit dem Arm durch und ertaste einen Schlüssel auf der anderen Seite des Schlüssellochs. Die Tür schwingt quietschend auf.

Der Raum dahinter ist um einiges gemütlicher als der andere. Ein Sessel aus dunklem Leder steht in der Ecke, darauf liegt eine wollige Plüschdecke. Ich wickle sie mir über den Oberkörper und inspiziere das Zimmer genauer. Die Fenster sind alle verbrettert, das Licht kommt einzig und allein von einer flackernden 15-Watt Glühbirne, ohne Lampenschirm. Auf der linken Seite des Raumes befindet sich ein großes Bücherregal, welches auf einem hüfthohen Schrank steht. Ich nehme einen der vielen Wälzer heraus und lasse die Seiten über meine Finger streifen. Durch die Leichtigkeit mit der ich meine Finger bewegen kann, bemerke ich, dass es angenehm warm im Raum ist. Die gesamte Wärme scheint vom hüfthohen Schrank zu kommen, auf welchem das Bücherregal lastet. Ich setze mich auf den Ledersessel. Kurz genieße ich die Wärme. Doch der Gedanke an den Bewohner lässt mich keinen klaren Gedanken fassen. Ich habe nun also wirklich seine Tür zerstört! Was wenn er mit einem Gewehr bewaffnet ist? Vielleicht ist er Jäger? Kurz versuche ich mir einzureden, dass niemand mehr kommen wird, doch es funktioniert nicht. Ich bin mir sicher, dass die Hütte bewohnt ist. Dieses Zimmer wirkt einfach nicht verlassen. Und überhaupt; warum sollte man das Licht und die Heizung eingeschaltet lassen, wenn man vorhat nicht mehr zurückzukommen? Nein! Es muss jemand kommen! Schließlich war die Tür geöffnet. Der Bewohner wollte bestimmt nur Feuerholz sammeln gehen. Vielleicht hat er sich ja verirrt? Wer weiß, womöglich ringt der Bewohner gerade jetzt um sein Leben.

Ich bleibe eine Weile sitzen. Ich reibe die Hände gegeneinander, wackle mit den Zehen und wickle mir die Decke wie einen Schal um den Hals. Nach kurzem Verharren finde ich eine zweite Decke und lege sie mir über den Schoß. Es ist mir bewusst, dass ich unglaublich lächerlich aussehen muss, doch das ist mir egal. Mich interessiert nur die Kuckucksuhr. Wie zuvor blicke ich unentwegt auf das Pendel. Es ist nun schwerer zu erkennen, da ich nicht mehr im gleichen Raum sitze, aber das leise Tick-tack kann ich immer noch hören. Erneut frage ich mich wie lange ich noch hier sitzen muss. Wieviele Ticks und wieviele Tacks ich noch abwarten soll, bis sich etwas an meiner derzeitigen Situation ändert. Ich hasse das, diese Untätigkeit. Meine Kollegen denken bestimmt ich würde gerade um mein Leben ringen. Doch stattdessen sitze ich hier und warte. Vermutlich wäre es sogar gut für mich wenn der Bewohner kommen würde. Ich könnte ihm kurz alles erklären und wenn ich ihm verspreche für die Tür aufzukommen würde er mir bestimmt helfen können. Trotzdem habe ich ein laues Gefühl im Magen wenn ich an die Person denke, die hier wohnt. Sie sperrt ihre Tür nicht zu, trotzdem besitzt sie die Sorgfalt ein Zimmer abzusperren. Und noch dazu: Wer heizt bloß die eine Hälfte einer Hütte?

Während das Gefühl der Untätigkeit in meinem Magen wütet, verkrieche ich mich immer weiter unter meinen Decken. Tick…tack…tick…tack… Ich springe so abrupt auf, dass beide Decken von mir fallen. Ich darf nicht untätig herumsitzen. Ich habe bereits eine Tür eingetreten, welchen Unterschied würde es da machen wenn ich nach Essen suche? Ich gehe in die Küche und öffne den Kühlschrank. Er ist halb gefüllt, die Lebensmittel sind aber noch gut. Ein weiter Hinweis darauf, dass vor kurzem noch jemand da gewesen sein musste. Ich nehme eine geräucherte Wurst aus dem Kühlschrank und gehe zurück ins andere Zimmer. Um nicht nichts zu tun, beginne ich die Schatullen zu untersuchen, die auf dem hüfthohen Schrank stehen. Ich finde genau was ich mir erwartet hatte: Postkarten, Ketten, Münzen und alte Fotografien. Ich sehe mir ein paar davon an, die meisten sind Familienpotraits. Schließlich finde ich, im obersten Regal, versteckt hinter einem Stapel Bücher, eine weitere Schatulle. Sie sieht genauso aus wie die anderen, hat die gleiche rote Farbe. Allerdings war diese deutlich öfter verwendet worden. Sämtliche Farbe ist vom Verschluss abgeblättert und die Oberfläche fühlt sich spiegelglatt an. Ich mache sie auf und finde einen weiteren Stapel Bilder. Sie alle zeigen Personen, meist Frauen, zwischen 20 und 30 Jahren. Auf den Fotografien ist immer nur der Oberkörper zu sehen, ohne Ausnahme. Sie alle liegen in der Natur. Manche im Schnee, andere im Wald oder auf einer offenen Wiese. Sie alle schlafen. Nicht immer sind die Augen zu sehen, aber bei manchen Fotografien erkenne ich ganz klar geschlossene Lider. Ich lege die Bilder wieder zurück und schließe die Schatulle. Ist der Bewohner vielleicht ein Künstler oder Fotograf? Ich durchsuche die anderen Schatullen, doch die sind allesamt mit gewöhnlichen Bildern gefüllt. (Tick…tack…tick…tack) Ich finde ein urnenförmiges Gefäß im obersten Fach des Bücherregals, das sich jedoch nicht öffnen lässt. Deshalb stelle ich es wieder zurück und lehne mich an den Schrank. Es geht eine wohltuende Wärme von ihm aus. Da die Temperatur angenehm ist, habe ich mich bisher nicht für den Schrank interessiert. Aber jetzt, wo ich jeden übrigen Zentimeter des Zimmers durchsucht habe, bleibt mir nichts anderen übrig als nachzusehen. Bestimmt wird darin zwar nur ein Heizkörper aufbewahrt, aber womit soll ich denn sonst meine Zeit nutzen? (Tick…tack…tick…tack) Ich bücke mich und öffne einer der beiden Schranktüren. Dahinter befindet sich eine graue Metallwand. Ich klopfe dagegen und es gibt einen metallischen, hohlen Ton. Erst als ich das Schlüsselloch sehe begreife ich, dass das kleine Türen sind und nicht etwa eine Wand. Gerade als ich mich frage wozu man seine Heizung abschließt, finde ich einen Schlüssel am Holzboden des Schranks. Ich stecke ihn ins Schloss und drehe ihn zur Seite. Bevor ich die Tür öffne trete ich einen halben Schritt zurück. Ich sehe zur Wand des Zimmers, dann wieder in den Schrank. Die Metallwand ist gleich weit von mir entfernt wie die des Zimmers, also ist das Metall in die Mauer eingebaut. Ich beuge mich wieder in den Schrank und ziehe die Tür zu mir. Meine Hand zittert. Die schiere Größe des dahinterliegenden Raumes überrascht mich so, dass ich mit dem Kopf gegen die Innenseite des Schranks stoße.

Fortsetzung folgt…

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